Schreiben über den Tellerrand (7)

Station 7: Australien/Nordamerika: Singen und Erzählen

Selbstverständlich kann man an australischen Universitäten Kreatives Schreiben studieren. Leider ist mir nicht bekannt, ob es außerhalb der Universitäten Schreibgruppen gibt, in denen Kreatives Schreiben praktiziert wird. Auch nach typischen Gestaltungsmerkmalen australischer Prosa oder Lyrik habe ich vergeblich geforscht. Es gibt natürlich Schriftsteller*innen, die auch bei uns eine gewisse Bekanntheit erlangt haben. Zu nennen ist da Les Murray, von dem folgendes Zitat stammt: „Prosa ist Schwerstarbeit, Dichtung nicht, Dichtung ist Singen“. Damit knüpft er an die Tradition der Indigenous ( früher: Aborigines) an, durch die „Songline“, einen mystischen Traumpfad, untereinander zu kommunizieren. Die Traumpfade durchziehen als unsichtbares Netz den gesamten Kontinent Australien. Es handelt sich hierbei um gesungene Texte, mit deren Hilfe die Indigenous in der Lage waren, kilometerlange Reisen durchzuführen, ohne sich zu verirren.

Das Pendant zu der australischen „Songline“ bildet die „erzählende Landschaft“ bei den Völkern der „First Nation“ in Nordamerika. Ebenso wie bei den Aborigines ist die Welt der First Nation mündlich geprägt, eine Schriftsprache ist nicht von Bedeutung. Bei den indigenen Völkern gibt es keine Trennung zwischen der Natur und dem Menschen. Er zählt selbstverständlich als ein Bestandteil der Natur wie alle Tiere und Pflanzen und Erscheinungen wie Steine, Wasser, Himmel, Wolken, Wind. Zu diesem Verständnis gehört es deshalb auch, dass alles in der Natur eine Sprache hat.

Bei den Apachen ist es z.B. üblich, Orte nicht etwa durch einen einzelnen Namen zu kennzeichnen, sondern eine präzise Beschreibung zu geben, die etwa so lauten könnte: „Große Pappeln breiten hier und dort ihre Zweige aus“ oder „ Wasser strömt über eine Stufenfolge flacher Felsen herab“.  „Die einmalige Magie eines Ortes wird an den Ereignissen sichtbar, die sich dort abspielen und dem, was einen selbst oder anderen im Umfeld jenes Ortes widerfährt“.                                                                       (aus: Nomadische Erzählkunst e.V.)

Das Fundament dieser Erzählkunst bildet ein intensiver Einsatz aller sinnlicher Wahrnehmungsleistungen ebenso wie das Vermögen zuzuhören, d.h. auch dem Rufen eines Tieres zuzuhören und ihm zu entnehmen, wie wir leben sollen.

Können wir, die durch die Schriftsprache geprägt sind,  etwas mitnehmen und lernen von den Indigenous in Australien und der First Nation in Amerika? Können wir etwas hineinnehmen in unseren schöpferischen  Prozess?

Versuchen wir es und besinnen uns in dieser schwierigen Zeit des Verzichts auf das, was wir noch „dürfen“ – nämlich, die Natur erleben, uns in und mit der Natur erleben. Der Natur mit Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, mit allen Sinnen begegnen!

Schreibimpuls 7

Gibt es in der Natur einen Lieblingsort für dich? Gibt es einen Weg, einen Spaziergang, der einen besonderen Reiz auf dich ausübt? In einem Park, an einem Gewässer, in einem Waldstück? Begib dich dorthin und nimm deine Schreibutensilien mit. Bleib alle fünf bis zehn Minuten stehen und notiere deine Wahrnehmungen, nicht nur die der äußeren Ereignisse (was du hörst, siehst, riechst…), sondern achte auch auf deinen inneren Ort, dort, wo sich Erinnerungen und Gefühle einstellen. Beschreibe dann zuhause diesen Natur-Ort und gib auch den anderen Erscheinungen eine Stimme: Was hat der Baum gesagt, was das Wasser mitgeteilt, was der Vogel gesungen?

Du kannst deine Text natürlich „nur“ für dich schreiben, du kannst ihn aber auch anderen mitteilen, vielleicht mit einer Einladung zu einem gemeinsamen Spaziergang an diesen Ort?

Ich wünsche dir eine gute Begegnung mit einem guten Ort!

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