Wenn der Nikolaus kommt – ein Adventskrimi

Am 6. Dezember ging um 18.24 Uhr  bei der Polizei in  einer kleinen norddeutschen Stadt ein anonymer Notruf ein. Der Anrufer gab an, im Tannenweg Nr.6 befinde sich eine hilflose Person. Dann legte er auf. Ein Einsatzwagen wurde losgeschickt. Das alleinstehende Haus im Tannenweg, das an den Wald grenzte, Iag im Dunkeln. Als die beiden Polizisten mit ihren Taschenlampen den Vorgarten ableuchteten, bemerkten sie im gepflasterten Eingangsbereich etwas Funkelndes.

Beim näheren Hinsehen entdeckten sie Scherben, die ganz offensichtlich von Weihnachtsbaumkugeln stammten. Vorsichtig gingen sie um das Haus herum und bemerkten die offen stehende Terrassentür. Mit gezogener Pistole drangen sie in das Haus ein und hörten sogleich schwache Hilferufe, die, wie sich herausstellte, aus dem verschlossenen Dachboden drangen.

Am nächsten Morgen hatte Sven  es sehr eilig, in die Zeitung zu schauen. Lange musste er nicht suchen. Eine hilflose Person sei nach einem anonymen Anruf von der PoIizei aus dem verschlossenen Dachboden eines Einfamilienhauses befreit worden, hieß es dort. Es handele sich offensichtlich um einen Einbruch, die Terrassentür sei aufgehebelt worden. Die stark unterkühlte und geschwächte Frau sei ins Krankenhaus gebracht worden und habe noch nicht befragt werden können.

Er konnte sich keinen Reim darauf machen. Aber herauszufinden, was da passiert war, war schließlich Aufgabe der Polizei. Er hatte alles so gut geplant, das Haus am Ende des Tannenwegs einige Tage observiert. Kein Auto vor der Tür, auch abends nicht, keine erleuchteten Fenster, auch kein Hund. Er hatte fest damit gerechnet, das Haus leer vorzufinden. Besonders vorsichtig war er nicht gewesen. Rasch die Terrassentür aufgehebelt und nach Beute geschaut. Sein noch ungeübter Blick war auf ein Tablet gefallen, im Schrank auf Tafelsilber. Das war schnell eingesackt. Als er sich im Obergeschoss des Hauses auf der Suche nach Schmuck umsah, hatte er plötzlich Hilferufe gehört. Und ein Poltern.

Sven hatte noch einen Augenblick verharrt und festgestellt, dass die Rufe aus dem Dachboden drangen. Auf dem Boden war jemand, eine Frau, der Stimme nach zu urteilen. Die Luke zum Dachboden war verschlossen. Also war für ihn keine Gefahr im Verzug gewesen. Schnell hatte er die wenigen Schmuckstücke in seinen Sack gepackt und dann das Haus verlassen, so wie er hereingekommen war.

In den letzten Tagen hatte es geschneit, die Temperaturen waren weiter gefallen und lagen im frostigen Bereich. Er hatte sich vorgestellt, wie schrecklich es sein musste, bei Kälte und Dunkelheit auf dem Dachboden zu hocken und Mitleid bekommen. Den Notruf setzte er dann von der Telefonzelle ab, an der er auf seinem Rückzug vorbeikam.

Zunächst dachte er an einen einfachen Einbruch, so wie sie in dieser Jahreszeit häufig verübt werden. Einige Merkwürdigkeiten fielen dem Hauptkommissar jedoch sofort auf. Die zerbrochenen Weihnachtsbaumkugeln. Die fehlenden Fußabdrücke im Schnee. Die Frau in einem Zustand, der vermuten ließ, dass sie schon einige Tage auf dem Dachboden ausgeharrt hatte. Und warum  hatte der Einbrecher erst so spät angerufen? Warum hatte er überhaupt angerufen? Und wo war der Mann der überfallenen Frau?

Hoffentlich konnte er das Opfer bald befragen. Falls die Frau schon länger auf dem Dachboden gelegen und um Hilfe gerufen hatte, musste sie doch jemand gehört haben. Der Postbote vielleicht? Genau, den würde er befragen. Der Fall wurde immer unheimlicher. Durch die Befragung des Postboten stellte sich heraus, dass die Eigentümer des Hauses einen Nachsendeantrag gestellt hatten. Schon Ende November, angegeben war ein Postfach in Frankfurt.

Am Abend des 7. Dezembers meldete sich eine Freundin der Überfallenen. Sie gab an, am 3. Dezember eine SMS ihrer Freundin erhalten zu haben, die sie etwas verwundert habe. Darin habe sie ihr mitgeteilt, sie wolle in diesem Jahr dem Vorweihnachtstrubel entfliehen, gemeinsam mit ihrem Mann werde sie für zwei Wochen auf eine Insel fliegen. Wohin genau, wisse sie noch nicht. Last minute. Das Handy bleibe zu Hause. Sie werde sich melden, wenn sie wieder zurück sei. Die Freundin wunderte sich, da sie eher die Mitteilung erwartet hatte, dass Rosi sich von ihrem Mann trennen wolle, als mit ihm gemeinsam in den Urlaub zu fahren.

Das Handy! Natürlich, das musste man doch als erstes checken! Da hatten seine Mitarbeiter geschlafen. Aber so einen verzwickten Fall hatten sie hier in diesem verschlafenen Ort  nicht oft. Die Angaben der Freundin fanden die ermittelnden Beamten bestätigt. Die SMS war am 3. Dezember um 14.25 Uhr abgeschickt worden. Ansonsten fanden sie keine Gespräche, die ihnen weiterhelfen konnten. Nach dem 3. Dezember waren keine Gespräche mehr verzeichnet.

lm Krankenhaus herrschte bei dem behandelnden Arzt Ratlosigkeit. Seit zwei Tagen lag das Opfer des Überfalls auf seiner Station, alle vitalen Funktionen waren in Ordnung, aber etwas stimmte mit der Frau nicht. Sie stellte ständig dieselben Fragen. Als er das wie beiläufig gegenüber dem Oberarzt erwähnte, horchte der auf. Ob er schon mal an eine Amnesie gedacht habe? Ob die Patientin Angaben zum Überfall gemacht habe? Just in diesem Moment tauchte der Kommissar auf, um mit der Frau zu sprechen. Der Oberarzt gab zu bedenken, dass seine Patientin sowohl großer Kälte als auch ebenso großer Angst ausgesetzt gewesen sei. Man habe Symptome einer Amnesie festgestellt.

Rosi Weinert fühlte sich noch sehr elend. Sie konnte nicht entscheiden, ob das die Folgen ihres dreitägigen Aufenthalts auf dem Dachboden waren oder die große Verwirrung über den Ablauf. Es war gar nicht so schwer gewesen, dem Kommissar eine Gedächtnislücke  vorzuspielen. Sie wusste ja selber nicht so genau, was da eigentlich schiefgegangen war. Natürlich wusste sie, wie und warum sie auf den Boden geraten war, aber sie wusste nicht, warum so lange. Auf die Frage nach ihrem Ehemann war sie vorbereitet gewesen. Nein, sie könne sich nicht erinnern, wie sie auf den Boden gekommen sei und sie wisse auch nicht, wo ihr Mann Walter sich aufhalten könnte.

Merkwürdig, dass der Kommissar nichts von Werner erwähnt hatte, dachte sie später. Er hatte doch wie verabredet die Polizei angerufen, oder nicht? Aber warum so spät? Ließ sie einfach fast drei Tage auf dem Boden hocken. Wie gut, dass sie noch einen alten Schlafsack gefunden hatte. Sonst wäre sie womöglich erfroren. Ein schrecklicher Verdacht kam in ihr hoch. Was, wenn Werner sie hintergangen hatte? Aber warum? Er liebte sie doch, oder? Es war doch sein Vorschlag gewesen. Waren ihm Skrupel gekommen?

Wenn der Kommissar wie angekündigt am nächsten Tag wiederkommen würde, wäre ihre Amnesie vorbei. Meist blieb die nach einem derartigen Schockzustand nur 24 Stunden hatte sie im lnternet erfahren. Dann würde sie dem Kommissar die Story erzählen. Genauso, wie verabredet. Bevor sie nicht wusste, was mit ihrem Mann und Werner passiert war, würde sie sich genau an den Plan halten. Das hieß, sie würde zunächst einmal fragen, wer die Polizei gerufen habe. Wem sie ihre Rettung verdanke.

Hauptkommissar Schnell war psychologisch nicht besonders gut geschult. AIlerdings lag auch kein Grund vor, an den Aussagen der Frau zu zweifeln. Sie war eingeschlossen gewesen, sie war das Opfer, und die Amnesie wäre am nächsten Tag vielleicht schon vorüber, hatte der Arzt ihm versichert. Dann würde man weitersehen. Von dem Ehemann der Überfallenen fehlte weiter jede Spur. Vielleicht hatte er den Überfall nur vorgetäuscht, seine Frau eingesperrt, sich davongemacht und später Gewissensbisse bekommen? Man sollte die Konten überprüfen.

Der Polizeibeamte, der Rosi Weinert am nächsten Tag kurz vor ihrer Entlassung im Krankenhaus aufsuchte, wollte, da das Erinnerungsvermögen wiederhergestellt war, Genaueres zum Tathergang wissen. Ob sie den Täter beschreiben könne? Die Frau schien jedoch immer noch verwirrt. Welchen Täter er denn meine? lhr Mann habe sie doch auf den Boden gesperrt. Ob sie sich denn erklären könne, warum er die Terrassentür aufgehebelt habe und ganz offensichtlich Schränke und Kommoden durchwühlt habe? Rosi Weinerts Verwirrung nahm immer mehr zu. Doch sie beherrschte sich, holte tief Luft und erzählte langsam, so als müsse sie sich der Richtigkeit ihrer Schilderung vergewissern:

„Wir wollten verreisen. Am 3. Dezember. Aber vorher sollte ich noch den Weihnachtsschmuck vom Boden holen. Mein Mann meinte, es sei doch schön, wenn wir nach dem Urlaub in ein geschmücktes Haus kommen würden. Eigentlich wollte ich nicht, aber mein Mann drängte. Er hat die Luke zum Dachboden geöffnet, die Leiter heruntergezogen, und ich bin raufgestiegen. So machen wir das immer, weil er die Sachen doch nicht findet. PIötzlich höre ich, wie er die Leiter hochklappt und die Luke schließt….“ Hier stockte die Frau, es fiel ihr sichtbar schwer weiter zu erzählen.

„lch habe erst gedacht, er wolle mich erschrecken, er hat so einen merkwürdigen Humor. Aber er machte nicht wieder auf. lch habe gerufen, geschrien, aber er hat nicht geantwortet.“ Pause. „Was haben sie dann gemacht?“ Die Stimme des jungen Polizisten klang einfühlsam. „lch, ich weiß nicht, irgendwann wurde mir kalt, und ich habe nach dem alten Schlafsack gesucht und mich darin eingewickelt, gefroren habe ich trotzdem.“ „ Vor ihrem Haus hat man Scherben von Christbaumkugeln gefunden. Haben Sie eine Ahnung, wie die dort hingekommen sind?“ Die Frau nickte. „lch habe das Dachfenster öffnen können. Es hatte geschneit und ich wollte an den Schnee ran. lch hatte doch nichts zu trinken, ich hatte Angst, zu verdursten. Da kam mir die ldee, die Kugeln rauszuwerfen, irgendwie wollte ich auf mich aufmerksam machen. Es kommt ja selten jemand vorbei bei uns, ich hatte gehofft, der Postbote würde es merken und sich wundern…“

Wieder stockte die Frau, dann fragte sie: „Wer hat eigentlich die Polizei geholt?“ Der Polizist teilte ihr dann mit, was sie kaum glauben konnte. Ein anonymer Anrufer. Vermutlich der Einbrecher. Ob sie sich vorstellen könne, dass ihr Mann den Einbruch vorgetäuscht und dann die Polizei verständigt habe? Den SchwächeanfaIl, den Rosi Weinert dann erlitt, musste sie nicht vortäuschen.

Nach Hause, bloß nach Hause dachte sie, als sie sich wieder etwas erholt hatte. Dort würde sie in Ruhe über alles nachdenken und die Lösung finden. Die Terrassentür war inzwischen ersetzt, doch im Haus sah es noch schlimm aus. Überall die Spuren des Pulvers, mit dem die Polizei Fingerabdrücke genommen hatte. Tafelsilber, ihr neues Tablet und ihre wenigen echten Schmuckstücke fehlten. Auf dem oberen Flur suchte sie nach Spuren, die Werner möglicherweise hinterlassen hatte. Sie fand nichts Verdächtiges. Er hatte alle Blutspuren sorgfältig beseitigt, aber was war mit den Fingerabdrücken?  Hatte er daran gedacht, alles sorgsam abzuwischen? Bestimmt nicht, denn es war ja nicht damit zu rechnen gewesen, dass die Polizei kam und nach Fingerabdrücken suchen würde.

Warum meldete sich Werner nicht? Zunächst war doch alles nach Plan verlaufen. Am Sonntagmorgen, als Herbert bei lauter Musik sich wie immer in sein Sudokoheft versenkt hatte, hatte sie Werner heimlich ins Haus gelassen. Er hatte die Axt dabei und versteckte sich in der Abstellkammer im ersten Stock. Gegen Mittag, die Koffer für die fiktive Reise waren gepackt, hatte sie Herbert gerufen, damit er ihr half, die Dachbodenluke zu öffnen und die Treppe herauszuziehen. Sie war hinaufgestiegen, und ihr Mann war auf den unteren Stufen stehen geblieben, um die Kartons entgegenzunehmen. Dann war alles ganz schnell gegangen.

Rosi half noch, die Leiche in den Teppich zu wickeln. Werner verfrachtete sie in seinen Kombi, Rosi stieg wieder auf den Boden und Werner schloss die Luke. Er sollte am späten Nachmittag ganz offiziell wiederkommen, um das Ehepaar zum Flughafen zu bringen. Dann sollte er die Polizei anrufen. So war der Plan. Aber Werner war nicht gekommen. Zur verabredeten Zeit nicht und auch nicht die Tage danach. Er blieb verschwunden.

1o. Dezember, 20 Uhr 10. Bei der PolizeidienststelIe meldet sich eine Frau und teilt mit aufgeregter Stimme mit, sie habe beobachtet, wie der Weihnachtsmann, also ein Mann in einem Weihnachtsmannkostüm, durch den Garten der Nachbarn schleiche.

Die Poizeistreife erwischte den verkleideten Mann auf frischerTat. Er hatte versucht, durch die Terrassentür in das Haus einzudringen. Die Bewohner hielten sich, wie so viele Einwohner der Kleinstadt, auf dem Weihnachtsmarkt auf.

Bei der Vernehmung war der Mann geständig. Er gab auch weitere Einbrüche zu, unter anderem im Tannenweg 6. Er hoffte auf mildernde Umstände, da er die Polizei gerufen und damit höchstwahrscheinlich der eingesperrten Bewohnerin das Leben gerettet hatte. Der junge ambitionierte Polizeibeamte, der Rosi Weinert im Krankenhaus befragt hatte, wurde aufmerksam. Bisher war man davon ausgegangen, dass der Ehemann den Einbruch vorgetäuscht, sich davongemacht und seine Ehefrau ihrem Schicksal überlassen hatte. Dass dieser Mann nach wenigen Tagen selbst die Polizei angerufen haben sollte und zwar von einer Telefonzelle aus dem Heimatort, hatte er sowieso nicht glauben können. Nun musste man den Fall noch einmal überdenken. Eine neue Theorie musste her.

Hauptkommissar Schnell überließ die weiteren Ermittlungen seinem jungen Kollegen, der sich eifrig an die Arbeit machte. Bevor er das angebliche Opfer mit den neuen Tatsachen konfrontierte ging er alle Meldungen durch, die zwischen dem dritten und sechsten Dezember eingegangen waren. Dabei stieß er auf eine Unfallmeldung. Am 3. Dezember hatte es etwa 100 Kilometer von der Kleinstadt entfernt einen Unfall mit zwei Toten gegeben: Auf eisglatter Straße war ein  Kombi ins Schleudern geraten, gegen einen Baum gerast und dann in einem Graben gelandet. Auf der wenig befahrenen Landstraße gab es keinen Zeugen, sodass der Unfall erst am nächsten Morgen bemerkt wurde. Das Fahrzeug war auf einen Werner Stolte zugelassen. Die Identität des anderen Opfers konnte nicht festgestellt werden.

 

(co) heikeherbst

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